"Freiheit mit Leitplanken" motiviert und inspiriert

Florian Schäffer – Leiter Automotive Qualitätsmanagement – über New Work

Herr Schäffer, New Work ist ein Begriff mit vielen Facetten. Unter anderem steht er für neue Methoden der Zusammenarbeit. Auf welche setzen Sie bei iNTENCE?

Florian Schäffer: Für uns hat sich Scrum, eine Methode für agiles Projektmanagement als besonders erfolgsversprechend herausgestellt. Sie kommt aus der Softwareentwicklung und basiert auf dem 2001 von 17 Erstunterzeichnern verabschiedeten "Agilen Manifest". In dessen Zentrum stehen vier Leitsätze: die Beteiligten sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge, funktionierende Software hat Vorrang vor umfassender Dokumentation, die Zusammenarbeit mit den Kunden ist wichtiger als Vertragsverhandlungen und das Reagieren auf Veränderung steht über dem Befolgen eines Plans.

Die Grundlage für New Work ist also nicht neu. Warum erhält der Ansatz gerade jetzt so große Aufmerksamkeit?

New Work gilt immer mehr als der Ansatz, der am Besten geeignet ist, die im Umbruch befindliche Arbeitswelt neu zu strukturieren. Neu ist auch, dass der Ansatz zunehmend auf Bereiche jenseits der Softwareentwicklung übertragen wird. Seit rund zwei Jahren fragen auch unsere Kunden ganz gezielt danach, ob wir nach der Scrum-Methode arbeiten können.

Bislang hat sich die Autobranche mit agilen Methoden eher schwer getan. Woher kommt dieser Paradigmenwechsel?

Die Automotivebranche hat sehr lange Produktentwicklungszyklen. Dazu kommt, dass in der Branche seit jeher Funktionssicherheit und Stabilität eine zentrale Rolle spielen. Das waren bislang oft die Argumente gegen agiles Entwickeln. Die Digitalisierung hat zwar den Entwicklungsprozess nicht wesentlich verkürzt, ihn aber in zweifacher Hinsicht stark verändert: Wir müssen im gleichen Zeitraum eine viel höhere Anzahl an Funktionen entwickeln und wir wissen bis ungefähr zur Hälfte des Entwicklungszyklus nicht, wie das Endergebnis aussehen wird. Deshalb hat sich die Argumentationsweise umgekehrt. Sie lautet heute: "Weil wir so lange Zyklen haben, müssen wir agil sein." Agiles Entwickeln, vor allem nach Scrum, wird immer mehr zum Erfolgsfaktor.

Können Sie kurz das Grundprinzip von Scrum erzählen?

Im Wesentlichen geht es um kurze Iterationszyklen. In der Praxis heißt das, dass wir unserem Auftraggeber schon nach zwei bis drei Wochen ein vorläufiges Ergebnis präsentieren. Nach und nach werden dann die Spezifikationen des Produkts erarbeitet. Das Gesamtprojekt wird also in Teilprojekte zerlegt, die nach der Scrum-Methode Sprints genannt werden.

Wie haben Sie sich Scrum angeeignet?

Der Ausgangspunkt war ein internes Projekt mit dem Ziel, Testframeworks zu bauen, also Tools, die intern gebraucht wurden. Wir haben anfänglich zwei Kollegen damit betraut. Sie sollten dafür 20 Prozent ihrer Arbeitszeit aufwenden. Wir stellten schnell fest, dass diese Aufgabe nebenbei nicht zu bewältigen war. Aus den zwei Personen wurde deshalb ein Team - und dieses wollte Scrum ausprobieren. Daraufhin entstand eine große Eigendynamik. Aus dem Team wurde ein Testcenter und aus diesem die heutige Tool Forge, die für das ganze Unternehmen Tools entwickelt. Inzwischen gibt es Hunderte von Tools.

Was ist für Sie der größte Vorteil dieser Art des Arbeitens und Entwickelns?

Es liegt meiner Ansicht nach in dem zusätzlichen Potenzial, das dadurch entsteht. Mit einer gemeinsamen Vision ist alles möglich, auch das, was die meisten für unmöglich halten. "Freiheit mit Leitplanken" motiviert, macht kreativ und innovativ. Das begeistert mich jeden Tag aufs Neue.

Link zum Interview
Wirtschaftszeitung, Oktober 2019

« zurück zur Übersicht
2020 © intive automotive GmbH